Quelle: Tobias Koch
Im Interview spricht der neue Verkehrsminister über seine Begegnungen in der Bahn, mehr Pünktlichkeit und warum vom Tankrabatt auch Zugfahrer profitieren.
Herr Bilger, Sie sind seit Kurzem Verkehrsminister und fahren regelmäßig Bahn. Werden Sie eigentlich mittlerweile erkannt im Zug – von Fahrgästen, vom Schaffner oder vielleicht im Bordbistro?
Ja, ich werde häufiger angesprochen, oft natürlich kritisch, wenn irgendwas nicht gut läuft. Aber es gibt auch viele, die mich ansprechen und sagen, sie wollten mir einfach mal mitteilen, dass sie gerne Bahn fahren und dass sie auch nicht alles schlecht finden. Ich kenne natürlich die Herausforderungen. Aber für viele ist Bahnfahren ein attraktives Angebot. Das zeigen auch die Rekordpassagierzahlen bei der Bahn. An der Lösung der Probleme will und muss die Bahn weiter arbeiten – nicht nur, was Pünktlichkeit anbelangt, sondern auch bei Sicherheit, Sauberkeit und Kundenkommunikation.
Wann soll es bei der Pünktlichkeit besser werden, was ist da Ihr Zielwert?
Wir haben als Ziel mit der Bahn vereinbart, im Fernverkehr 2029 auf 70 Prozent zu kommen. Das mag für einige vielleicht nicht ambitioniert klingen. Im ersten Halbjahr 2026 lag die Pünktlichkeit im Fernverkehr nur bei etwas mehr als 50 Prozent. Insofern wäre es schon ein großer Sprung. Aber natürlich ist das nur ein Zwischenschritt und noch längst nicht das Ziel, das wir langfristig erreichen wollen.
Der staatliche Schienenkonzern hat große Probleme, auch bei den Generalsanierungen wichtiger Verbindungen. Auf der Strecke Mannheim–Frankfurt war die Verbesserung bei der Pünktlichkeit nicht so deutlich, wie von der Bahn versprochen. Auch auf der Strecke Hamburg–Berlin holperte es trotz monatelanger Bauarbeiten. Was ist da los?
Man hat sich zu viel in zu schneller Zeit vorgenommen. Das hat die Planung, aber auch die Industrie überfordert. Für mich war daher schnell klar, dass wir eine Änderung des Konzepts der Korridorsanierung brauchen. Und das haben wir jetzt mit der Bahn vereinbart. Das neue Konzept sieht weniger Korridorsanierungen vor und eine klare Vereinbarung, dass es nach der Sperrung spürbar besser läuft.
In Süddeutschland gab es zuletzt Aufregung um die Bahn, als überlegt wurde, den Takt zwischen Augsburg und München auszudünnen, um den Knotenpunkt am Münchner Hauptbahnhof zu entlasten. Wie stehen Sie dazu, Verbindungen zu streichen?
Mir kommt es auf ein attraktives Angebot an, insbesondere für die Pendler. Dafür braucht es auch regelmäßige Angebote im engen Takt. Gerade mit Blick auf solche überlasteten Knoten und regelmäßige Verspätungen kann es ein Ansatz sein, für eine gewisse Entlastung zu sorgen, um mehr Pünktlichkeit zu erreichen. Darauf hatte sich die vom Bundesverkehrsministerium beauftragte Taskforce Zuverlässige Bahn in ihrem Abschlussbericht im März dieses Jahres verständigt, allerdings nur als absolut allerletztes Mittel. Die Abwägung muss vor Ort geschehen.
Nun gibt es den Vorwurf gegen die Bundesregierung, der Tankrabatt für drei Monate kostet 2,5 Milliarden Euro. Dieses Geld hätte man auch an die Länder geben können, um den Bahnverkehr zu stabilisieren…
Die meisten Autofahrer sind auch Bahnfahrer und die meisten Bahnfahrer sind auch Autofahrer. Sie alle spüren die Belastung durch die gestiegenen Energiepreise. Es war richtig angesichts der anhaltenden Belastung durch die hohen Spritpreise noch mal eine Entlastung zu beschließen. Die Bundesregierung arbeitet auch weiterhin daran, einen Mechanismus für Direktzahlungen auf den Weg zu bringen, um gezielte Entlastungen für besonders Betroffene zu ermöglichen.
Falls das nicht gelingt, hielten Sie es dann für sinnvoll, den Tankrabatt Anfang nächsten Jahres noch einmal zu verlängern?
Wir hoffen natürlich, dass der Irankrieg zu Ende geht und sich dadurch die Lage auf dem Öl-Markt entspannt. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass wieder mehr Öl durch die Straße von Hormus transportiert wird. Probleme gibt es bei den Raffinerien, die aus dem Rohstoff Benzin und Diesel machen. Wir haben als Koalition vereinbart, ab 2027 vorübergehend einen Spritpreisdeckel einzuführen und ich plädiere dafür, dass wir prüfen, wie wir besonders betroffene Gewerbe wie Busunternehmen, Taxifahrer oder Fuhrunternehmer gezielt entlasten können, wenn die Preise so hoch bleiben.
Wo wir bei den Spritpreisen sind: Deutschland und Frankreich arbeiten daran, das Verbrenner-Aus auf europäischer Ebene aufzuweichen. Ist das angesichts der hohen Kraftstoffpreise sinnvoll?
Erst mal freue ich mich über die hohen Zulassungszahlen von Elektroautos hierzulande. Als Verkehrsministerium kümmern wir uns vor allem um die Ladeinfrastruktur. Nicht jeder hat eine Lademöglichkeit zu Hause oder bei der Arbeit. Wir sind in Deutschland sehr gut mit unserem öffentlichen Ladenetz aufgestellt. Aber andere Länder in Europa, für die das Verbrenner-Verbot auch gelten soll, haben noch sehr viel nachzuholen beim Ausbau der Ladeinfrastruktur. Und auch deswegen gibt es in Europa zurzeit viel Bereitschaft, das Verbrenner-Aus zu korrigieren. Ich habe diese Entscheidung auf europäischer Ebene immer für einen Fehler gehalten. In vielen Ländern der Welt wird der Umstieg auf E-Autos länger dauern, aber auch dorthin sollen deutsche Autohersteller in Zukunft exportieren. Daher sollte es unser Anspruch sein, bei allen Technologien im Automobilbereich führend zu sein. Die Verständigung zwischen Deutschland und Frankreich ist wichtig, um den Wirtschaftsstandort zu stärken und Arbeitsplätze zu sichern.
Wie würden Sie dem Klimaschutz stattdessen Rechnung tragen?
Auch effiziente Verbrenner, Hybridfahrzeuge oder klimafreundliche Kraftstoffe tragen zum Klimaschutz bei. Zurzeit setze ich mich mit meinem französischen Amtskollegen dafür ein, dass wir die Beimischung von Biokraftstoffen erhöhen. Da gäbe es beispielsweise E20 an den Zapfsäulen. So können wir auch unsere Abhängigkeit von Ölimporten reduzieren. Brasilien zeigt, wie das geht.
Springen wir zurück zur Bahn. Die Verbindung zwischen Bayern und Baden-Württemberg soll durch den Bau eines zweiten Strangs der Strecke Augsburg-Ulm deutlich verbessert werden. Der Bundestag hat zwar beschlossen, dass dieses Projekt gebaut werden soll, die Finanzierung ist aber offen. Werden Sie als Verkehrsminister Augsburg-Ulm bauen?
Wir haben uns noch vieles vorgenommen, was den Ausbau der Schiene anbelangt. Der Schwerpunk liegt aktuell klar auf Sanierung und Erhalt des Gleisnetzes. Aber es gibt auch jedes Jahr Mittel für den Neu und Ausbau von Schienenstrecken wie zum Beispiel die Verbindung Augsburg-Ulm.
Das war jetzt noch kein klares Bekenntnis…
Das Projekt steht im Bundesverkehrswegeplan. Das bedeutet, dass uns der Bundestag den Auftrag erteilt hat. Dazu stehen wir und prüfen die Finanzierung.
Die Kostenschätzungen dafür lauten auf acht Milliarden Euro. Für den Neubau von Gleisen haben sie 3,5 Milliarden pro Jahr zur Verfügung. Augsburg-Ulm würde also drei volle Jahresbudgets fressen. Können Sie angesichts dieser Kosten den Bau zusagen?
Die Frage der Finanzierung für Neu- und Ausbauprojekte stellt sich im Rahmen der Haushaltsberatungen des Deutschen Bundestages. Es ergibt aber Sinn, angesichts des Nachholbedarfs den Schwerpunkt auf die Instandhaltung zu setzen. Und dafür haben wir so viel Geld wie noch nie zur Verfügung.
Das Interview führten Jonathan Lindenmaier und Christian Grimm.